Wecke das Baby in dir- vom Wundern

Heute hat sich unser Mädchen eine halbe Stunde lang mit einer simplen Keramikschale beschäftigt und war absolut zufrieden. Neben der offensichtlichen Tatsache, dass sie uns täglich glücklich macht, ist sie auch selbst glücklich. Babys tun Dinge selbstverständlich, die in unendlich vielen Ratgebern als glücksfördernd beschrieben werden.

Babys

-konzentrieren sich ausdauernd auf eine Sache die sie interessiert, und zwar nur auf diese Sache

– entscheiden sehr schnell, klar und offen, was sie interessiert und was nicht. Das lassen sie links liegen, ohne nochmal drüber nachzudenken.

– zeigen ihre Emotionen deutlich und unverstellt

-üben ausdauernd. Krabbeln, greifen, gehen…egal, wie oft sie hinfallen. Sie stehen wieder auf und üben weiter. Babys “brennen” innerlich für die Sache.

-machen sich keinen Druck. Sie tun immer etwas, und zwar das, worauf sie Lust haben

-sind mit dem Aufwachen bereit für den Tag und abenteuerlustig

-sind offen und vertrauen den Menschen, die sie lieben bedingungslos

– wollen immer mehr, als ihnen möglich ist und probieren oft das Unmögliche. So oft, bis es dann manchmal doch möglich wird.

– sind nicht nachtragend

-fordern Hilfe ein, wenn sie nicht weiter kommen

-haben keine Angst vor Nähe und Bindung, sondern fordern diese

-urteilen nicht nach jung und alt oder hübsch und häßlich und machen sich nichts aus ihrem Äußeren.

-entdecken begeisterungsfähig Alltägliches, als wäre es das Größte und nehmen sich Zeit für jedes kleine Wunder

-zeigen offen und ehrlich ihr Interesse am Mitmenschen

-lassen jedes Spielzeug stehen, wenn sie dafür die volle Aufmerksamkeit ihrer Lieben bekommen

-mögen Gesang, Reime, Berührung

Das, was für Babys so selbstverständlich ist und sie so liebenswert macht, geht uns so oft verloren. Sicherlich, Babys haben keine Wahl, sie sind abhängig, müssen gefüttert, gewickelt, getragen werden. Also müssen sie mit Niedlichsein bestechen. Ihre Kognition ist noch begrenzt. Vor allem haben sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht oder diese haben noch keine Spuren hinterlassen. Sie sind bereit, sich zu wundern.

Und Wunder gibt es überall um uns herum. Wir sind nur nicht mehr verwundert. Erklär doch mal, wie genau die Musik von deinem Tablet gespielt wird. Beginne dabei, wie jemand einen Text auf Papier schreibt. Woher kommt Papier? Wie entsteht ein Stift? Aus welchem Material ist seine Mine und wie kommt die Farbe rein? Erkläre auf dem weiteren Weg die lückenlose Funktionsweise des Instruments, der Stimme, des Computers, der Onlineplattform, der Lautsprecher,…das können die wenigsten.

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Kleine Alltagswunder- bei 42 °C

Natürlich handelt es sich um kein Wunder im religiösen Sinn und selbstverständlich ist alles technisch erklärbar. Genau wie die Blumen, die jeden Frühling wieder kommen. Aber deswegen ist es doch nicht weniger faszinierend. Ist es nicht verständlich, dass ein Baby verwundert den Raum absucht, wenn es plötzlich Musik hört? Wie man all diese Babyeigenschaften, die ich genannt habe, zerstören kann, ist leicht vorstellbar und hinreichend bekannt. Kinder ahmen ihre Vorbilder nach, erleben Verzweiflung weil ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden, erleben traumatische Ereignisse ohne aufgefangen zu werden, werden überflutet mit Reizen, ihre Neugier wird von genervten Eltern unterdrückt, die Gesellschaft erklärt ihnen, was gewünscht ist und wie sie zu funktionieren haben.

Dennoch, wir werden geboren mit allem, was es zum Glücklich sein braucht. Einflüsse in unserem Leben mögen uns davon entfernt haben. Das macht es aber nicht weniger wahr.

Der Vorteil am Erwachsensein ist, dass man sowohl im geistigen als auch im sozialen Sinn freier als ein Baby ist und im Idealfall Herr über seine Bedürfnisse und Wünsche. Das gibt uns die Möglichkeit, ab und zu an das Baby in uns zu denken. Es ist nicht mehr da, wir haben seinen Platz eingenommen, aber seine Spuren finden sich in uns. Das Baby, das Blumen entdeckt, sich Stunden mit einem Lichtschalter beschäftigen konnte, klaglos immer wieder stehen und gehen übte, bis es geklappt hat. Wir alle hatten sie in uns, die Neugier, die Begeisterungsfähigkeit, die Ausdauer, die Freude, das Vertrauen.

Man muss sich nun entscheiden, ob man die äußeren Umstände triumphieren lässt, oder ob man dem Baby in sich wieder mehr Raum gibt und ausdauernd übt- übt wieder ausschließlich eine Sache zu tun. Wieder Zeit ohne Ablenkung mit dem Partner zu verbringen. Den engsten Mitmenschen bedingungslos Liebe zu schenken. Dinge, die einen eigentlich nicht interessieren, wegzuwerfen oder zu streichen. Ein Lied zu singen, vielleicht mit jemandem zusammen. Eine Blume anzuschauen und zwar in allen Details. Etwas zu befühlen, alternativ zu benutzen und sich zu fragen: wie bist du entstanden, wie funktionierst du richtig, kann ich dich gebrauchen? Die Leere, die unser beeinflusstes, überflutetes Gehirn dabei manchmal spüren wird, auszuhalten. Sich zu fragen, warum man sich albern vorkommt und mit welchem Recht und nach welchem Maßstab ein Lied singen albern ist. Und immer wieder zu üben. Bis man es wieder kann. Das Wunder in allen Dingen sehen.

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